Wenn Gott mitten im Sturm spricht

Warum wahrer Frieden nicht beginnt, wenn der Sturm endet – sondern wenn wir lernen, Gott zu vertrauen.

Gewidmet meinem Bruder und Freund Guillaume, dessen Predigt Gott benutzte, um Hoffnung in tiefster Dunkelheit zu schenken, und seiner wundervollen Frau Kathleen, die Menschen mit Liebe, Geduld und seelsorgerlicher Hingabe begleitet. Vor allem aber ist dieser Artikel dem lebendigen Gott gewidmet, der gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist. Dem Gott, der auch heute noch spricht.

Es gibt Momente, in denen selbst das Beten schwer wird.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an diesen Punkt kommen würde. Nicht, weil ich aufgehört hätte, an Gott zu glauben. Im Gegenteil. Gerade in den dunkelsten Zeiten hielt ich mich mit aller Kraft an Ihm fest. Aber es gibt Momente im Leben, in denen das Leid so laut wird, dass selbst das Gebet nur noch ein Flüstern ist und selbst der Glaube keine Worte mehr findet.


Es war nicht nur ein einzelnes Ereignis. Es war eine Zeit, geprägt von Missbrauch, tiefer Verzweiflung, schmerzhaften Verlusten, zerbrochenem Vertrauen und einer Flut von Fragen, auf die ich keine Antwort fand. Jede neue Wunde schien die vorherige noch zu vertiefen, bis ich irgendwann nicht mehr wusste, wie ich überhaupt weiterleben sollte oder konnte. Immer wieder stellte mir immer wieder dieselben Fragen: Warum lässt Gott das zu? Warum hört dieser Sturm nicht auf? Und warum fühlt sich mein Herz an, als hätte es vergessen, wie Frieden aussieht?


Ich verlor Vertrauen. Ich verlor das Gefühl von Heimat. Ich verlor Menschen, an die ich geglaubt hatte. Und irgendwann verlor ich auch das Gefühl dafür, wie ich mein eigenes Leben noch verstehen oder überhaupt weiterleben sollte. Meine Lebenskraft schwand. Meine Lebensfreude verschwand. Und selbst der Wunsch, in Gottes Namen noch etwas zu bewirken, schien in mir zu ersticken. Ich fühlte mich wie ein verwundetes Tier im Käfig. 


Ich fühlte mich nicht nur äußerlich festgehalten. Vor allem fühlte ich mich gefangen in Umständen, die ich weder verändern noch begreifen konnte. Es gab Türen, die ich nicht öffnen konnte, Entscheidungen, die nicht in meiner Hand lagen, und Fragen, auf die niemand eine Antwort hatte. Je mehr ich versuchte, einen Ausweg zu finden, desto enger schien alles zu werden.


Ich gehöre nicht zu den Menschen, die in solchen Zeiten laut werden oder ständig Hilfe suchen.

Wenn ich nicht mehr kann, zieht es mich in die Stille. In die Natur. Oder einfach unter eine Decke ins Bett – dorthin, wo niemand etwas von mir erwartet. Wochenlang war ich unendlich müde. Nicht diese Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag, sondern eine Müdigkeit, die bis in die Seele reicht.


Ich schlief viel. Ich weinte viel. Arbeiten fiel mir schwer. Selbst die einfachsten Aufgaben kosteten mich unendlich viel Kraft.

Wenn ich im Hofladen Medewege stand oder anderen Menschen begegnete, setzte ich ein Lächeln auf. Ich funktionierte. Wahrscheinlich bemerkten viele gar nicht, wie dunkel es in meinem Inneren geworden war. Doch sobald ich wieder allein war, brach alles über mir zusammen. Die Tränen ließen sich nicht mehr aufhalten. Manchmal kamen die Tränen ganz still. Manchmal brachen sie sich in verzweifelten Schreien Bahn, die tief aus meiner Seele aufstiegen und die ich nicht mehr zurückhalten konnte.


Vielleicht kennst du solche Phasen ebenfalls oder steckst gerade selbst mitten in einem Sturm. Vielleicht funktionierst auch du nach außen. Du kümmerst dich um deine Kinder, gehst zur Arbeit, erledigst deine Aufgaben und lächelst, obwohl dein Herz längst keine Kraft mehr hat. Und wenn am Abend endlich Ruhe einkehrt, kommen die Tränen.

Vielleicht stellst auch du dir immer wieder dieselbe Frage:


„Herr … wo bist Du?“


Oder vielleicht kennst du Gott noch gar nicht.


Genau an diesem Punkt stand ich – und teilweise stehe ich noch immer dort. Doch eines durfte ich lernen: Gott sieht jede einzelne Träne. Er kämpft unsere Kämpfe, wenn wir Ihn lassen. Und genau das durfte ich an jenem Sonntag so tief erfahren, an dem mich etwas mit aller Kraft in die Gemeinde zog.


Dabei wollte und konnte ich eigentlich nicht mehr. Nicht, weil ich sterben wollte, sondern weil mir die Kraft fehlte, weiterzukämpfen und doch auch der Lebenswille. Irgendwann war mir alles gleichgültig geworden.

Wirklich alles. Ich hatte vollkommen aufgegeben, hatte keine Lösungen mehr und nicht einmal mehr die Motivation, irgendetwas zu organisieren – obwohl ich darin sonst eine unbezahlte Expertin bin. Ich war leer. Leer von Wünschen, Vorstellungen und Ideen darüber, wie es weitergehen könnte.


Einfach leer.


Und doch war da dieser Sog, der mich in die Gemeinde zog. Dieser tiefe Wunsch, Gott zu begegnen. Nicht, weil ich große Erwartungen hatte, sondern weil ich Ihn aus tiefstem Herzen nur um eines bat:


„Bitte sprich heute zu mir.“

„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“



(Offenbarung 21:4)

Als Gott durch einen Bruder zu meinem Herzen sprach

An diesem Sonntagmorgen predigte mein lieber Bruder und Freund Guillome über das Buch Hiob. Seine wundervolle Frau Kathleen begleitet mich seit einiger Zeit seelsorgerlich – Mit einer Geduld, von der ich selbst noch viel lernen darf. Mit einer Liebe, die nicht urteilt. Und mit einer Ruhe, von der ich überzeugt bin, dass sie nicht aus menschlicher Stärke entspringt, sondern aus der Gegenwart Christi.


Beide wussten, wie dunkel die vergangenen Monate für mich gewesen waren. Sie kannten meine Tränen, meine Fragen und den Schmerz, der sich tief in mein Herz eingegraben hatte. Doch ich glaube nicht, dass sie ahnten, wie kraftvoll Gott sie an diesem Morgen gebrauchen würde.


Schon während des gemeinsamen Lobpreises liefen mir die Tränen über das Gesicht. Und als die Predigt begann, waren sie nicht mehr aufzuhalten. Es war nicht einfach eine bewegende Predigt über das Buch Hiob. Es waren keine klugen Gedanken oder schnelle Antworten auf die Frage, warum Gott Leid zulässt. Es war vielmehr, als würde Gott selbst Schicht für Schicht die Mauer abtragen, die mein Herz in den vergangenen Monaten um sich errichtet hatte, um den Schmerz irgendwie auszuhalten.


Während mein Bruder sprach, liefen mir die Tränen unaufhörlich über das Gesicht. Ich konnte sie nicht mehr zurückhalten. Doch es waren nicht dieselben Tränen, die ich in den Wochen zuvor geweint hatte. Es waren Tränen der Erleichterung. Tränen der Dankbarkeit. Tränen einer tiefen Erkenntnis. Und Tränen darüber, dass Gott sich mir durch sein lebendiges Wort auf eine Weise offenbarte, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte.


Plötzlich erkannte ich, dass Gott mich nie verlassen hatte. Er war auch in meinem Schweigen gegenwärtig gewesen. Er hatte jede einzelne Träne gesehen, selbst dann, als ich glaubte, völlig allein zu sein.


„Sammle meine Tränen in deinen Krug; stehen sie nicht in deinem Buch?“
(Psalm 56:9)


Mir wurde bewusst, dass Gott längst wirkt, auch wenn ich seinen Weg noch nicht erkennen kann. Dass Vertrauen nicht dort beginnt, wo ich alles verstehe, sondern dort, wo ich Ihn erkenne. Und dass ich mein Leben – ebenso wie das meiner Kinder – vertrauensvoll in seine Hände legen darf. Zum ersten Mal verstand ich, was es bedeutet, sich Gott wirklich hinzugeben.


Nicht mehr ständig nach Lösungen suchen zu müssen.

Nicht mehr jede Tür selbst öffnen zu wollen.

Nicht mehr zu glauben, ich müsse meinen Weg aus eigener Kraft freikämpfen.


Sondern zu erkennen, dass sich sein guter Plan nicht deshalb erfüllt, weil ich alles richtig mache, sondern weil Er derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit.


An diesem Sonntag beantwortete Gott nicht alle meine Fragen. Er beendete auch meinen Sturm nicht.

Er offenbarte mir sich selbst. Und genau darin liegt die größte Botschaft des Buches Hiob.

Hiob fand am Ende nicht deshalb Frieden, weil Gott ihm jede Frage beantwortete oder ihm alles zurückgab. Sein Friede begann dort, wo er Gott neu erkannte.


„Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört; nun aber hat mein Auge dich gesehen.“

(Hiob 42:5)


Ich glaube, genau das geschah auch an diesem Sonntag in meinem Herzen. Nicht alle Umstände hatten sich verändert. Nicht alle Fragen waren beantwortet. Meine Tränen waren nicht plötzlich versiegt. Aber ich begann Gott neu zu erkennen. Und aus dieser Begegnung mit Gott wurde Erkenntnis. Aus der Erkenntnis wuchs Vertrauen. Und aus dem Vertrauen begann langsam Frieden in meinem Herzen zu wachsen.


Nicht als flüchtiges Gefühl, sondern als eine tiefe Gewissheit, dass Gott gut ist – auch dann, wenn ich seinen Weg noch nicht verstehe. Zum ersten Mal seit langer Zeit keimte wieder Hoffnung in mir auf. Nicht, weil mein Leben plötzlich leichter geworden wäre. Nicht, weil der Sturm vorübergezogen wäre, sondern weil ich erkannte, dass Gottes Gegenwart nicht davon abhängt, ob ich sie fühle. Er war die ganze Zeit da – näher, als ich es je für möglich gehalten hätte.


Und ich glaube, genau danach sehnt sich jedes Menschenherz.

Nicht zuerst nach einem Leben ohne Stürme.

Sondern nach einem Gott, der selbst mitten im Sturm bleibt.

„Du bewahrst denjenigen in vollkommenem Frieden, dessen Sinn auf dich gerichtet ist; denn er vertraut auf dich. Vertraut auf den HERRN allezeit; denn Gott der HERR ist ein Fels ewiglich.“



(Jesaja 26:3–4)

Warum mich das Buch Hiob nicht mehr losließ

Als ich an diesem Sonntag nach Hause fuhr, ließ mich die Predigt nicht mehr los. Immer wieder musste ich an Hiob denken und weinte und weinte, während sich ein unendlicher Frieden in mir ausbreitete. Seine Geschichte hatte mich schon früher bewegt. Ich wusste, was ihm widerfahren war, kannte die groben Zusammenhänge und hatte Predigten über ihn gehört. Ehrlich gesagt hatte ich das Buch Hiob bis dahin nie vollständig gelesen. Ich bekam irgendwie keinen Zugang zu der Weisheit des Geschriebenen. 


Vielleicht geht es dir ähnlich. Man kennt die Geschichte. Man weiß, dass Hiob alles verlor und Gott ihm später alles zurückgab. Doch das eigentliche Herz dieses Buches bleibt dabei oft verborgen. Heute glaube ich sogar, dass ich Hiob früher gar nicht hätte verstehen können. Vielleicht musste ich erst selbst durch einen Sturm gehen. Vielleicht musste ich erst an einen Punkt kommen, an dem meine eigenen Fragen den Fragen Hiobs immer ähnlicher wurden. Denn die wenigsten Menschen schlagen das Buch Hiob auf, weil sie etwas über Geschichte erfahren möchten.


Sie suchen Antworten auf Fragen, die das Leben irgendwann jedem von uns stellt.


Warum lässt Gott Leid zu?

Warum schweigt Er manchmal?

Warum zerbrechen Familien?

Warum verlieren wir Menschen, die wir lieben?

Warum scheint das Leben manchmal innerhalb weniger Augenblicke auseinanderzufallen?


Genau mit diesen Fragen beginnt auch Hiobs Geschichte. Vielleicht hat dieses jahrtausendealte Buch gerade deshalb bis heute nichts von seiner Kraft verloren.



Wenn das Leben innerhalb weniger Stunden zerbricht


Zu Beginn begegnen wir einem Mann, den Gott selbst als aufrichtig und gottesfürchtig beschreibt.

Hiob liebt Gott. Er führt ein erfülltes Leben, hat eine Familie, Besitz und genießt hohes Ansehen. Von außen betrachtet scheint sein Leben alles vollkommen.


Und dann geschieht etwas, das wohl niemand von uns begreifen könnte.


Innerhalb kürzester Zeit verliert Hiob nahezu alles, was ihm lieb und kostbar war. Seine Kinder sterben, sein Besitz geht verloren, seine Gesundheit zerbricht und mit ihr jede Sicherheit, auf die er sein bisheriges Leben gebaut hatte. Von einem Tag auf den anderen bleibt nichts mehr von dem übrig, was ihm einst Halt gegeben hatte.

Als ich diese Kapitel später las, wurde mir bewusst, wie zerbrechlich unser Leben eigentlich ist. So oft glauben wir, unsere Sicherheit liege in den Umständen unseres Lebens. Doch manchmal genügt ein einziger Anruf, eine Diagnose, ein Verlust oder ein Ereignis – und plötzlich gerät das ganze Leben ins Wanken. Das, was eben noch selbstverständlich schien, ist auf einmal verschwunden.


Vielleicht gab es auch in deinem Leben einen Tag, der dein Leben in ein Davor und Danach geteilt hat.

Einen Tag, nach dem die Welt zwar dieselbe blieb – dein eigenes Leben jedoch nie wieder so war wie zuvor.



Leid verändert nicht nur unser Leben – es verändert sogar unseren Blick auf die Zeit.


Als Guillaume diesen Vers vorlas, trafen mich diese Worte mitten ins Herz.


„Meine Tage sind vergangen, schneller als ein Läufer; sie sind entflohen, ohne Glück gesehen zu haben.“

(Hiob 9:25)


Ich musste schlucken. Ich hatte das Gefühl, Hiob würde genau das beschreiben, was ich in den vergangenen anderthalb Jahren erlebt hatte. Nicht, weil unsere Geschichten dieselben wären. Sondern weil Leid etwas mit unserem Zeitempfinden macht. Man lebt irgendwann nicht mehr wirklich. Man wacht morgens auf, erledigt das Nötigste, funktioniert irgendwie und fällt am Abend erschöpft wieder ins Bett. Tage werden zu Wochen, Wochen zu Monaten und irgendwann fragt man sich, wo die Zeit geblieben ist. Nicht, weil die Zeit schneller vergeht, sondern weil der Schmerz ihr jede Leichtigkeit nimmt.

Während ich dort saß und zuhörte, wurde mir bewusst, dass genau das in den vergangenen Monaten mit mir geschehen war. Äußerlich ging mein Leben weiter. Doch innerlich hatte ich das Gefühl, längst stehen geblieben zu sein.



Die Sehnsucht, die Hiob nicht benennen konnte


Guillaume führte uns weiter in das neunte Kapitel – mit seiner ruhigen und zugleich lebendigen Art, Gottes Wort auszulegen. Bis zu diesem Moment hatte ich Hiob vor allem als einen Mann gesehen, der leidet. Doch jetzt begann ich zu erkennen, wie sehr sich Hiob sich eigentlich nach Gott sehnte. 


Guillaume las die nächsten Verse:


„Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dass ich ihm antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen.

Es gibt keinen Schiedsmann zwischen uns, der seine Hand auf uns beide legen könnte.“

(Hiob 9:32–33)


Ich weiß nicht, ob ich diese Worte jemals zuvor wirklich verstanden hatte. In diesem Moment sucht Hiob keine Erklärung für seinen Schmerz. Er sucht einen Menschen, der zwischen ihm und Gott stehen kann.


Jemanden, der beide versteht.

Jemanden, der Frieden bringt.

Jemanden, der die Hand Gottes und die Hand des Menschen miteinander verbindet.


Während Guillaume darüber sprach, musste ich unwillkürlich an Jesus denken. Hiob kannte seinen Namen noch nicht. Und doch beschreibt er genau die Sehnsucht, die Gott Jahrhunderte später erfüllen würde.

Plötzlich wurde mir klar, dass das Buch Hiob so viel mehr ist als die Geschichte eines leidenden Mannes. Es erzählt von einem Menschen, der sich – mitten im größten Schmerz – nach dem sehnt, den Gott längst vorgesehen hatte.

Nach Jesus Christus.



Darf ich Gott überhaupt solche Fragen stellen?


Je weiter Guillaume durch das Buch Hiob führte, desto mehr berührte mich Hiobs schonungslose Ehrlichkeit.

Hiob versucht nicht, seine Gefühle zu verstecken oder stärker zu wirken, als er sich tatsächlich fühlt. Er klagt. Er ringt. Er stellt Fragen, die viele von uns wahrscheinlich kennen, aber kaum auszusprechen wagen. Manchmal fragt er sogar, ob Gott gegen ihn ist.


Ehrlich gesagt hat mich das zunächst schockiert. Schließlich lernen wir doch, dass Gott uns über alles liebt. Ich hätte gedacht, dass ein gläubiger Mensch so etwas nicht sagen darf. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil ich Gott jemals Vorwürfe machen will, sondern weil ich selbst erlebt habe, dass tiefes Leid Fragen hervorbringt, die sich unserem Herzen aufdrängen – ob wir sie zulassen oder nicht. Gerade deshalb traf mich ein Gedanke aus der Predigt besonders tief. Irgendwann reichte mir sogar jemand aus der vorderen Reihe ein Taschentuch, denn meine Tränen wollten einfach nicht versiegen.


Guillaume machte deutlich, dass Hiob trotz all seiner Fragen niemals vor Gott davonläuft. Er sucht nicht zuerst Antworten bei seinen Freunden, und er verliert sich auch nicht in endlosen Erklärungsversuchen. Stattdessen bringt er seinen Schmerz immer wieder zu Gott. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Während seine Freunde über Gott diskutieren, spricht Hiob mit Gott. Während andere versuchen, sein Leid zu erklären, sucht Hiob die Nähe dessen, der größer ist als jede Erklärung. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich mich selbst darin wieder. Ich dachte kaum noch. Ich fühlte nur noch.


Auch ich hatte in den vergangenen Monaten unzählige Fragen. Ich wollte verstehen, warum all das geschehen musste. Ich rang darum zu vergeben. Ich versuchte, meine Kinder zu halten. Warum schlossen sich die Türen und warum wollte dieser heftige Sturm nicht enden? Warum schweigt Gott so lange?


Doch während ich dort saß, wurde mir langsam bewusst, dass mein Herz sich nach etwas viel Tieferem sehnte als nach Antworten. Ich wollte nicht einfach wissen, warum.


Ich wollte Gott. Ich wollte seinen Frieden so sehr spüren. So sehr wahr haben, dass alles, was im Leben geschieht zu unserem Besten geschieht. 


Vielleicht ist genau das, wozu Gott uns einlädt: Ihm bedingungslos zu vertrauen. Denn vielleicht liegt genau darin der entscheidende Wendepunkt – nicht nur im Buch Hiob, sondern auch in unserem eigenen Leben.

Denn solange wir nur nach Antworten suchen, werden wir wahrscheinlich immer neue Fragen finden. Wenn wir aber beginnen, Gott selbst zu suchen, verändert sich etwas tief in unserem Herzen.

Nicht, weil plötzlich alle Rätsel gelöst wären, sondern weil wir dem begegnen, der größer ist als jede unserer Fragen. Genau an diesem Punkt führt uns das Buch Hiob weiter.


Bis hierher hören wir fast ausschließlich Hiob und seine Freunde reden. Sie ringen, diskutieren, klagen und versuchen zu verstehen. Kapitel um Kapitel suchen sie nach Erklärungen für das Leid. Doch dann geschieht etwas, womit niemand gerechnet hat.


Nicht Hiob findet die Antwort.

Gott selbst beginnt zu sprechen.

Und Er spricht nicht, nachdem der Sturm vorüber ist.

Er spricht mitten aus dem Sturm.

„Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

(Psalm 42:6)

Als Gott mitten aus dem Sturm sprach

Bis zu diesem Moment hatte Hiob geredet. Seine Freunde hatten geredet. Kapitel für Kapitel versuchten sie, das Leid zu erklären, Schuldige zu finden und Antworten auf Fragen zu geben, die letztlich kein Mensch beantworten konnte. Je länger ihre Gespräche dauerten, desto deutlicher wurde, dass keine menschliche Weisheit ausreichte, um den Schmerz Hiobs wirklich zu verstehen. Dann geschieht etwas, womit niemand gerechnet hatte.


Nicht Hiob findet die Antwort.

Nicht seine Freunde.

Nicht einmal Satan tritt noch einmal auf.

Gott selbst beginnt zu sprechen.


Als Guillaume die ersten Verse aus Hiob 38 vorlas, wurde es ganz still in mir.


„1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: 2 Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? 3 Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, und du sollst mich unterrichten! 4 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag es mir, wenn du so klug bist! 5 Weißt du, wer das Maß für sie festgelegt hat oder wer die Messschnur über sie gezogen hat? 6 Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, 7 als die Morgensterne miteinander sangen und alle Gottessöhne jauchzten?“
(Hiob 38:1-7)


Plötzlich wurde mir klar, dass Gott nicht wartet, bis der Sturm vorüber ist. Er wartet nicht darauf, dass Hiob seine Fragen abgearbeitet oder seine Tränen getrocknet hat. Er begegnet ihm genau dort, wo der Sturm am heftigsten tobt. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los: Gott ist da – mitten im Sturm. Er erklärt nicht alles. Er zeigt mir nicht sofort den Weg hinaus. Aber Er ist da.


Wie oft hatte ich selbst darauf gewartet, dass erst alles ruhig werden müsste, dass wir wieder eine glückliche kleine harmonische Familie sein würden, mein drei Gottes Geschenke und ich. Oder dass sich erst der Traum der Eco Aldea ALOUMIYA erfüllen müsste, dass wir dann wieder Gott spüren. Ich dachte, Gott würde handeln, wenn meine Umstände sich verändert hätten, wenn endlich Türen aufgingen, Unsicherheiten verschwänden und mein Herz geheilt wäre. Erst dann – so glaubte ich – könnte ich seinen Frieden wirklich erfahren. Doch ich hatte mich geirrt. Die Geschichte Hiobs erzählt etwas völlig anderes.


Gott begegnet Hiob nicht erst nach dem Sturm. Er begegnet ihm mitten im Sturm.


„Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach …“
(Hiob 38:1)


Allein dieser Vers bewegte mein Herz tief. Nicht erst die Antwort Gottes, sondern der Ort, von dem aus Er spricht.


Aus dem Wettersturm.

Nicht außerhalb.

Nicht danach.

Mitten darin.


Während Guillaume weiterpredigte, wurde mir unter unter Tränen immer mehr bewusst, dass Gott Hiob keine Erklärung für sein Leid gibt. Er rechtfertigt sich nicht. Er beantwortet keine einzige der Fragen, die Hiob zuvor gestellt hatte.


Stattdessen beginnt Gott, Hiob Fragen zu stellen.


„Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage an, wenn du so klug bist. Wer hat ihre Maße bestimmt? Wer hat ihre Grundfesten versenkt oder ihren Eckstein gelegt?“
(vgl. Hiob 38:4–6)


Als ich diese Worte hörte, verstand ich sie zum ersten Mal nicht als Vorwurf oder Zurechtweisung, sondern hörte darin die liebevolle Erinnerung eines Vaters.


„Hiob, ich habe die Erde gegründet.

Ich habe sie vermessen.

Ich habe ihren Eckstein gelegt.

Glaubst du wirklich, dass ich jetzt den Überblick über dein Leben verloren habe?“


Ich weinte. Und ich weinte. Und ich weinte. Meine Tränen wollten nicht versiegen. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich Gottes Liebe, seinen Frieden und die leise Gewissheit, dass Er einen guten Plan für mein Leben hat. Ich hatte immer geglaubt, dass sich zuerst im Außen etwas verändern müsse, bevor alles wieder gut wird.  So oft hatte ich geglaubt, mein Leben sei außer Kontrolle geraten, ich dachte ich hätte die Ruder verloren. Ich hatte eine panische Angst davor, die Kontrolle vollständig zu verlieren. Genau da bin ich jetzt, ohne Kontrolle, auf Knien vor Gott und gebe alles ab, wirklich alles. Denn mein Leben liegt in Gottes Händen. 


Wenn Er Himmel und Erde geschaffen hat, wenn Er das Meer begrenzt und den Sternen ihre Bahnen gegeben hat, dann kennt Er auch meinen Weg – selbst dann, wenn ich ihn selbst nicht mehr erkennen kann. Dann erinnerte Guillaume an einen weiteren Vers, der sich tief in mein Herz eingeprägt hat.


Als Gott die Fundamente der Erde legte,

„...jubelten die Morgensterne miteinander und alle Söhne Gottes jauchzten.“
(Hiob 38:7)


Was für ein gewaltiges Bild. Noch bevor ein Mensch existierte, jubelte der Himmel über Gottes Schöpfung.

Der Gott, der die Welt mit solcher Weisheit erschaffen hat, überlässt nichts dem Zufall.


Nicht die Erde.

Nicht die Sterne.

Nicht einmal mein Leben.


In diesem Moment verstand ich etwas, das ich vorher nie wirklich begriffen hatte. Vertrauen bedeutet nicht, alle Antworten zu kennen. Vertrauen bedeutet, den zu kennen, der den Überblick hat. Während ich dort saß, spürte ich, wie sich etwas in meinem Herzen veränderte.


Nicht meine Vergangenheit.

Nicht meine Umstände.

Nicht einmal alle meine Fragen.


Es veränderte sich mein Blick auf Gott. So lange hatte ich Ihn gefragt:


Warum musste das alles geschehen?

Warum dieser Schmerz?

Warum so viele Verluste?

Warum so viel Unsicherheit?


In diesem Moment waren weder meine Fragen noch meine Tränen oder mein Schmerz das Wichtigste, sondern weil Gott mir durch die Predigt meines Freundes begegnet war und mir Trost mitten im Sturm spendete. 


Die größte Botschaft des Buches Hiob liegt nicht in Erklärungen, sondern in der Offenbarung Gottes, dem wir uns anvertraut haben und dessen Plan wir vertrauen können, auch wenn wir uns oft nach Antworten sehnen. Denn Gott ist ein Gott der Beziehung, Er will eine Beziehung zu uns haben, in jeder Lebenslage.  Er möchte, dass wir lernen zu vertrauen. Nicht das Leid steht im Mittelpunkt dieses Buches. Nicht einmal die Wiederherstellung am Ende.

Im Mittelpunkt steht der lebendige Gott. Der Gott, der mitten aus dem Sturm spricht. Der Gott, der Himmel und Erde gegründet hat.


Und genau deshalb dürfen wir Ihm vertrauen – auch dann, wenn unser eigener Weg im Moment noch im Nebel liegt.



Meine Entscheidung fürs Leben


Die Predigt liegt erst wenige Wochen zurück. Ich stehe immer noch mitten im Sturm so vieler Prüfungen, emotionalem Schmerz und weiterhin sind viele Türen nach wie vor verschlossen. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, fühl mich verloren im Nebel. Ich muss so  vieles loslassen, woran ich mich so lange festgehalten habe. Menschen. Vorstellungen. Träume. Schmerz. Wut. Trauer. 

Es fühlt sich an, als würde Gott mir eine Sache nach der anderen aus den Händen nehmen – nicht, um mich leer zurückzulassen, sondern weil Er mein Herz von allem lösen möchte, worauf ich es unbewusst gestützt habe, damit Er es mit dem füllen kann, was Er von Anfang an für mich vorgesehen hat.


Es tut so weh. 


Manchmal wünsche ich mir noch immer einfach nur ein Zuhause. Einen Ort, an dem endlich Frieden einkehrt. Einen Ort, an dem meine Kinder und ich zur Ruhe kommen dürfen. Einen Ort, an dem ich aufatmen kann. Ich frage meinen Abba, wie es weitergehen soll, aber ich tappe im Dunkeln, und lerne, diese Unsicherheit auszuhalten. Ich vertraue und gebe mich dem hin, was Gott für mich vorbereitet hat.


Ich kenne seine Antworten noch nicht.


Vielleicht schenkt Er mir bereits eine leise Ahnung, denn mein Herz verspürt eine Sehnsucht, einen Weg, den ich möglicherweise begehen werden. Denn ich glaube, dass Gott Sehnsüchte in unser Herz legt, die uns Schritt für Schritt dorthin führen, wo Er uns gebrauchen möchte.

Und obwohl ich die Antworten noch nicht kenne, lerne ich den, der sie kennt immer genauer kennen und tiefer zu lieben. Das ist der Unterschied: Wir müssen nicht alles wissen. Wir dürfen Dem vertrauen, der alles weiß.


Ich beginne langsam zu verstehen, dass Gott nicht zuerst daran interessiert ist, mir den nächsten Schritt zu zeigen. Er möchte zuerst mein Herz verändern. Er möchte, dass ich lerne, Ihm auch dann zu vertrauen, wenn ich den Weg noch nicht sehen kann. Und genau darin liegt für mich die größte Veränderung meines Herzens. Nicht, dass der Sturm aufgehört hätte, sondern dass ich aufgehört habe, ständig gegen ihn anzukämpfen.


Ich lerne, still zu werden.

Ich lerne zu warten.

Ich lerne loszulassen.


Und ich lerne, dass Vertrauen manchmal nichts anderes bedeutet, als einen weiteren Tag mit Jesus zu gehen, obwohl man nicht weiß, wohin der Weg führt.


Vielleicht werde ich noch oft weinen.

Vielleicht werden noch viele Türen geschlossen bleiben.

Vielleicht dauert manches viel länger, als ich es mir wünsche.


Aber tief in meinem Herzen ist etwas gewachsen, das dort vor wenigen Wochen noch nicht war. Keine Gewissheit über meine Zukunft, sondern Vertrauen in den, der meine Zukunft längst kennt.


Und genau dort, mitten in dieser Unsicherheit, traf ich eine Entscheidung. Ich entschied mich für das Leben.


Wenn du diesen Artikel gerade liest und selbst mitten in einem Sturm stehst, dann wünsche ich dir nicht zuerst, dass Gott deinen Sturm beendet. Ich wünsche dir, dass du Ihm begegnest. Denn wenn wir Ihm wirklich begegnen, verändert sich etwas, das keine äußeren Umstände dieser Welt verändern können.


Vielleicht bleiben die Türen noch eine Zeit lang geschlossen.

Vielleicht bleibt der Weg verborgen.

Vielleicht trägt deine Seele noch immer dieselbe Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Frieden und danach, endlich anzukommen.


Ich kenne diese Sehnsucht. Sie begleitet mich bis heute, aber ich glaube inzwischen, dass jede tiefe Sehnsucht unseres Herzens letztlich auf Gott hinweist. Denn kein Ort dieser Welt kann uns das geben, wonach unsere Seele sich wirklich sehnt.


Keine Beziehung.

Kein Haus.

Kein Land.

Kein Neuanfang.


Unsere tiefste Sehnsucht ist nicht ein Ort. Nicht ein Haus. Nicht ein Land.Nicht einmal ein Neuanfang. Unsere tiefste Sehnsucht hat einen Namen.


Jesus Christus.


Und vielleicht ist genau das die größte Erkenntnis, die Gott mir mitten im Sturm geschenkt hat.

Ich muss nicht erst ankommen, um Frieden zu finden.

Ich darf Frieden finden, weil Er bei mir ist.


Deshalb entscheide ich mich heute – nicht aus eigener Kraft, sondern Tag für Tag neu – für das Leben.


Nicht, weil ich weiß, wohin mein Weg führt.

Nicht, weil der Sturm vorüber wäre.

Nicht, weil plötzlich alle Türen offenstehen.


Sondern weil ich dem Gott begegnet bin, der mitten aus dem Sturm spricht. Dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Dem Gott, der jede meiner Tränen kennt. Dem Gott, der mich nie verlassen hat.


Deshalb glaube ich heute mehr denn je:


Es lohnt sich, sich für das Leben zu entscheiden.

Es lohnt sich, Gott zu vertrauen.

Denn Gottes Plan ist größer als unser Schmerz, größer als unsere Angst und größer als alles, was wir heute schon sehen können.


Es lohnt sich, sich für das Leben zu entscheiden. Denn Gott hat sich längst entschieden, dich niemals loszulassen.

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"Du zählst meine Wanderungen. Lege meine Tränen in deinen Krug; sind sie nicht in deinem Buch aufgezeichnet?"
(Psalm 56:8)


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