Was ist Heimat? Zwischen Heimatliebe, Fernweh & widersprüchlichen Gefühlen

Auf der Suche nach Zugehörigkeit und

unserer ewigen Heimat bei Gott

Warum prägen uns die Orte unserer Kindheit ein Leben lang? Warum können wir mehrere Heimaten lieben und uns dennoch nirgendwo vollständig zu Hause fühlen? Eine persönliche Reise zwischen Deutschland und Ecuador, zwischen Erinnerungen, Abschied, Gottes Berufung und der Sehnsucht nach unserer ewigen Heimat im Himmel.

Zwischen Heimatliebe und Fernweh – widersprüchliche Gefühle

Der Wind trägt den salzig-modrigen Geruch des Meeres zu mir. Möwen kreischen über den Wellen, Bäume rauschen im Wind, der Sturm zerzaust meine Haare, und für einen kurzen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Kindheitserinnerungen füllen meine Gedanken, und es breitet sich ein wohliges Gefühl von Heimat aus, gespeist von den Gerüchen der Laubwälder, den vielen Abenteuern meiner Kindheit und dem Gefühl, dass Deutschland eine schöne Heimat ist – mit guten und schlechten Erinnerungen und Erfahrungen.


Vermutlich geht es vielen Menschen da draußen ähnlich: Bestimmte Gerüche, Klänge, Lieder oder Situationen versetzen uns plötzlich zurück in unsere Kindheit. Du erinnerst dich an Menschen, die schon lange nicht mehr Teil deines Alltags sind, aber eine Situation oder ein Geruch dich zurück in die Vergangenheit versetzt. Oder du gehst durch eine Landschaft, die du seit Jahren nicht gesehen hast, und spürst eine Vertrautheit, die sich kaum erklären lässt.


Es ist, als hätte unser Körper Erinnerungen bewahrt, für die wir nicht immer Worte finden. Doch was ist Heimat eigentlich? Ist es das Land, in dem wir geboren wurden? Sind es die Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind? Ist es ein Haus, ein Garten, eine Sprache oder eine Landschaft? Und warum können wir uns nach einem Ort sehnen, an dem wir vielleicht noch nie gelebt haben, während wir uns an unserem Geburtsort längst nicht mehr wirklich zu Hause fühlen? Wo beginnt Flucht und wo Berufung? Bin ich als Christin zu etwas anderem berufen, oder habe ich schon immer Gottes Stimme gehört und bin ihr früher gefolgt, ohne es benennen zu können?


Seit Jahren reisen wir, und unser Leben ist geprägt von Umzügen. Aber wir kommen immer wieder an diesen Ort zurück, ans Meer. Na ja, eigentlich ans Binnenmeer, also nicht direkt ans Meer. Viele Jahre haben wir in Schwerin gelebt, das mittlerweile genauso Heimat ist wie Ecuador. Mit seinen vielen Seen und unserem geliebten Hof Medewege, wo wir mehrere Jahre – oder sagen wir mal, immer wieder – gewohnt, gelebt und gearbeitet haben.


Dennoch tauchen immer wieder diese Fragen auf: Warum zieht es mich hier immer wieder weg? Warum will ich immer wieder hinaus in die Welt, Abenteuer erleben und nun mit dem Herrn seine Werke, zum Beispiel das „Nituna Project“, aufbauen? Und warum verspüre ich jedes Mal, wenn ich mich verabschiede, diese Nostalgie? Es ist nie Heimweh. Heimweh kenne ich nicht, eher Fernweh. Einen Kulturschock hatte ich zum ersten Mal, als ich im letzten Jahr mit meinen Mädchen aus Ecuador nach Deutschland zurückkam. Wie hart und verwirrend hier alles geworden ist. Ich wollte sofort wieder zurück, nach Hause. Ist zu Hause nicht dort, wo dein Herz ist? 


Der Gedanke an Heimat – oder vielmehr die Frage, was es bedeutet, dass ich immer wieder dieses Fernweh spüre – beschäftigt mich. Einige bezeichnen mich als rastlos, andere dichten mir Erkrankungen an, und wieder andere unterstellen mir die Flucht. Geflüchtet sind wir tatsächlich, damals aus der DDR, aber darum geht es in einem anderen Artikel. Mein Leben ist seit Kindertagen sehr bewegt und geprägt von der Suche nach einem Zuhause.

Wir haben auf verschiedenen Kontinenten gelebt, unterschiedliche Kulturen kennengelernt und immer wieder versucht, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Heute, während ich mich darauf vorbereite, Deutschland erneut zu verlassen und nach Ecuador zurückzukehren, beschäftigen mich diese Fragen intensiver denn je.


Denn ich liebe meine deutsche Heimat, bin aber auch oft sehr genervt von dem System. Ich liebe das Meer, die Wälder und die vertrauten Jahreszeiten. Der Herbst zeigt sich gerade von seiner schönsten Seite. Im Garten ernte ich die letzten Äpfel und Salate, und Wehmut erfasst mich, denn die Suche nach Heimat ist noch nicht beendet. Dennoch ist meine Heimat nicht in Deutschland und vermutlich auch nicht in Ecuador. Trotzdem sind meine Kinder und ich durch diese beiden Länder sehr geprägt. Besonders als Ecuador bei der Weltmeisterschaft mit 2:1 gegen Deutschland gewann, waren meine Kinder und ich vor Freude den Tränen nahe. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, wie tief wir mit beiden Ländern verbunden sind. Ecuador gehört genauso zu uns wie Deutschland.

Meine Kindheit und Jugend sind untrennbar mit Deutschland verbunden. Meine Familie und meine Kinder leben hier, und ich habe in den vergangenen Monaten neue christliche Freundschaften gefunden, die mir kostbar geworden sind. Ich empfinde es als Gottes Führung, dass ich wieder einen so engen und intensiven Kontakt zu meiner Sandkastenfreundin habe – offen, ehrlich und herzlich.


Dennoch zieht es mein Herz nach Ecuador. Ich brauche den Abstand, das Alleinsein, damit sich ordnen kann, was noch nicht in Gottes Ordnung ist. Und Ecuador ist genauso wie Deutschland meine Heimat auf Erden. 

Und so bleibt die Frage: Wie kann man eine Heimat lieben und sich trotzdem nach einer anderen sehnen?

Vielleicht müssen wir zuerst verstehen, dass Heimat weit mehr ist als ein Ort auf einer Landkarte.

„Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.“



(Hebräer 11,16)

Heimat beginnt mit einer Erinnerung

Wenn ich an Deutschland denke, denke ich nicht zuerst an Grenzen, Behörden oder einen Eintrag in meinem Reisepass. Ich denke an Landschaften, Gerüche, Geräusche und Erinnerungen. Wobei – ganz ehrlich – irgendwie denke ich auch an Behörden, an das stark reglementierte System in Deutschland, an Schulpflicht, Impfpflichten und Gerichte, die nach meinem Empfinden häufig nach Schema F handeln. Auch das gehört zu meinen Erfahrungen mit diesem Land und zu den widersprüchlichen Gefühlen, die es in mir auslöst.


Aber ich denke vor allem an das Meer, dessen Anblick mich immer wieder tief berührt und meine Seele beruhigt. Gott hat mit unserer Erde ein Meisterwerk geschaffen, und gerade in der Natur wird mir seine wunderbare Schöpfung immer wieder bewusst.


Ich denke an die nebligen Wälder mit ihren sonnendurchfluteten Lichtungen, durch die ich schon als Kind gestreift bin. An die Spaziergänge mit meinem Opa, der mir die verschiedenen Baumarten erklärte, während wir gemeinsam Pilze sammelten. Später bin ich mit meinen eigenen Kindern durch diese Wälder gezogen, habe mit ihnen Pilze gesucht und ihnen ein Stück jener Welt gezeigt, die mich selbst als Kind so glücklich gemacht hat und stark prägte.

Ich denke an die unterschiedlichen Jahreszeiten, von denen Frühling und Herbst ganz eindeutig meine liebsten sind. An das erste zarte Grün nach einem langen Winter, an den Duft feuchter Erde und an das goldene Licht der Herbstsonne, das die Wälder in warme Farben taucht. Aber auch an die langen Sommerabende, an denen ich mit dem Fahrrad an den Schweriner Seen entlangradelte, während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand.


Selbst der Winter, der nicht unbedingt zu meinen Lieblingsjahreszeiten gehört, hat seine eigene Schönheit. Diese besondere Stille, wenn die Natur zur Ruhe kommt, die frühen Abende, das warme Licht in den Fenstern und die Gemütlichkeit eines Zuhauses, während es draußen kalt und dunkel wird.

All diese Eindrücke gehören zu meiner Geschichte, zu unserer Geschichte als Familie. Sie sind ein Teil meiner Identität geworden, ohne dass ich es damals bewusst wahrgenommen hätte.


Die Wissenschaft hat dafür eine faszinierende Erklärung. Gerüche können besonders lebendige autobiografische Erinnerungen hervorrufen. Dieses Phänomen wird häufig als Proust-Effekt bezeichnet, benannt nach dem französischen Schriftsteller Marcel Proust, der in seinem Werk beschrieb, wie der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks plötzlich eine ganze Welt vergangener Erinnerungen wachruft. Wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem von Rachel S. Herz (2004) sowie Simon Chu und John J. Downes (2000), bestätigen, dass Gerüche besonders intensive emotionale Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte hervorrufen können.

Die Untersuchungen aus der Gedächtnisforschung zeigen, dass Gerüche häufig stark emotional gefärbte Erinnerungen auslösen. Unser Geruchssinn ist eng mit Hirnregionen verbunden, die an der Verarbeitung von Gefühlen und Erinnerungen beteiligt sind.


Vielleicht erklärt das, weshalb der Geruch des Meeres für mich nicht einfach nur salzige Luft bedeutet. Er trägt Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend in sich, an Menschen, Begegnungen und Erlebnisse, an einen Lebensabschnitt, der längst vergangen ist und dennoch irgendwo tief in mir weiterlebt.


Heimat hat deshalb sehr viel mit unserem Körper und unseren Sinnen zu tun. Wir erinnern uns nicht nur an Orte, sondern auch daran, wie wir uns dort gefühlt haben, an die Menschen, die uns begleiteten, und an die Situationen, die wir damals durchlebten. Diese Erinnerungen können schön und tröstlich sein, aber auch schmerzhaft und belastend.


Manchmal genügt ein einziger Geruch, ein vertrautes Geräusch oder ein bestimmtes Licht, um längst vergessene Gefühle wieder wachzurufen. Und plötzlich stehen wir innerlich wieder an einem Ort, den wir vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr besucht haben.

Vielleicht erkennen wir gerade in solchen Augenblicken, wie tief manche Orte in uns verwurzelt sind und dass ein Teil unserer Geschichte immer mit ihnen verbunden bleiben wird.



Warum wir uns nach Heimat und Geborgenheit sehnen


Heimat besteht nicht allein aus schönen Erinnerungen. Sie hat auch mit einem menschlichen Grundbedürfnis zu tun: dem Wunsch nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit.

Wir möchten irgendwo willkommen und geliebt sein. Wir möchten Menschen um uns haben, die uns kennen, die unsere Eigenheiten verstehen und bei denen wir nicht ständig erklären oder verteidigen müssen, wer wir sind. Wir sehnen uns nach einem Ort, an dem wir zur Ruhe kommen dürfen, an dem wir uns sicher und geborgen fühlen. Etwas, das heutzutage längst nicht mehr selbstverständlich ist, selbst in Deutschland nicht.


Vielleicht ist es gerade diese Sehnsucht nach Heimat, die viele Frauen besonders tief empfinden, wenn ihr Leben von Unsicherheit, Trennung oder immer neuen Herausforderungen geprägt wurde.

Wie viele Frauen sehnen sich im Grunde nach so wenig – und doch nach so viel? Nicht nach einem großen Haus, nach Reichtum oder gesellschaftlichem Ansehen. Sondern nach einem friedlichen Leben, nach Liebe, die bleibt, nach einem Mann, auf den sie sich verlassen können, und nach einem Zuhause, in dem ihre Kinder behütet aufwachsen dürfen.

Vielleicht nach einem kleinen Haus, dessen Fenster morgens die ersten Sonnenstrahlen hereinlassen. Nach einem Garten, in dem Gemüse wächst, Obstbäume ihre Zweige voller Früchte neigen und Kinder mit schmutzigen Füßen und glücklichen Gesichtern durch das Gras laufen. Nach dem Duft von frisch gebackenem Brot, einem gedeckten Tisch, an dem die Familie zusammenkommt, und vertrauten Stimmen, die das Haus mit Leben füllen.

Kein vollkommenes Leben. Kein Zuhause ohne Sorgen oder schwere Tage. Sondern ein Ort, an dem man miteinander lachen und weinen, hoffen und beten darf. An dem man nicht immer stark sein muss, weil man einander trägt.

Ein Ort, an dem man Wurzeln schlagen darf, ohne ständig befürchten zu müssen, sie eines Tages wieder herausreißen zu müssen.


Ich kenne diese Sehnsucht nur zu gut. Seit mehr als zwanzig Jahren begleitet mich der Traum von einem eigenen Stück Land. Einem Ort, an dem ich bleiben, einen Garten anlegen, Obstbäume pflanzen und mit meinen Kindern ein einfaches, naturverbundenes Leben führen kann.

In verschiedenen Ländern habe ich Gärten angelegt, Gemüse angebaut, Pflanzen gepflegt und mit meinen Kindern die Früchte unserer Arbeit genossen. Wir haben gesät, gegossen, geerntet und immer wieder neu begonnen. Doch so oft mussten wir weiterziehen, bevor die Bäume groß genug waren, um uns Schatten zu spenden, oder bevor wir die Früchte dessen ernten konnten, was wir mit so viel Liebe gepflanzt hatten.

Manche Ernte blieb für andere zurück. Manche Gärten mussten wir verlassen, gerade als sie begannen, zu dem zu werden, was ich mir erträumt hatte.


Und immer wieder stellte sich dieselbe Frage: Wo ist der Ort, an dem wir endlich bleiben dürfen?

Dabei war es nicht immer nur das Fernweh, das uns weiterziehen ließ. Manchmal waren es äußere Umstände, manchmal Entscheidungen, die ich für meine Kinder und unser gemeinsames Leben traf. Auch die Coronazeit hat unsere Wege geprägt. Ich wollte diese Jahre nicht in einem Land verbringen, das sich für mich zunehmend von meinen Überzeugungen und Vorstellungen von Kindheit, Freiheit und Familie entfernte.

Und manchmal waren meine Kräfte einfach erschöpft. Es gab Zeiten, in denen ich als Mutter von drei Kindern nicht mehr wusste, wie ich all die Verantwortung allein tragen sollte. Zeiten, in denen ich mich nach vertrauten Menschen sehnte, nach Unterstützung, nach einem Ort, an dem ich selbst einmal aufgefangen werden würde, statt immer nur diejenige zu sein, die alles zusammenhält.


Dabei glaube ich, dass Gott mich in all diesen Jahren mit unglaublich viel Kraft und Stärke gesegnet hat. Oft weit über das hinaus, was ich mir selbst zugetraut hätte.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich deshalb nicht nur die vielen Abschiede, die Unsicherheiten und die Orte, die wir wieder verlassen mussten. Ich sehe auch einen unermesslichen Reichtum an Erfahrungen.


Wie viele Welten durften wir kennenlernen! Wie viele Landschaften, Sprachen, Menschen und Lebensweisen haben unseren Blick auf das Leben erweitert und uns persönlich wachsen lassen. Wir mussten uns immer wieder auf neue Kulturen einstellen, Gewohntes hinterfragen und lernen, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten. Das war nicht immer leicht, aber es war auch ein großes Geschenk.

Ich erinnere mich an die Freude, mit der meine Kinder die Welt entdeckten. An ihre Neugier, ihre Fragen und diese wunderbare kindliche Leichtigkeit, mit der sie sich auf Neues einlassen konnten. Wir lernten nicht nur aus Büchern, sondern mitten im Leben. In der Natur, auf Reisen, durch Begegnungen mit Menschen, durch andere Sprachen und Kulturen und durch all die kleinen und großen Herausforderungen unseres Alltags.


Viele Jahre durften wir unser Leben weitgehend frei vom Druck schulischer Erwartungen und gesellschaftlicher Vorstellungen gestalten. Wir konnten unseren eigenen Rhythmus finden, gemeinsam lernen und entdecken und unseren Alltag nach den Werten ausrichten, die mir für unsere Familie wichtig waren.

Auch der Abstand zu den Erwartungen meiner eigenen Familie spielte dabei eine Rolle. Meine Entscheidungen und Überzeugungen wurden nicht immer verstanden, selbst wenn der Versuch dazu da war. Das war manchmal schmerzhaft, denn natürlich wünscht man sich gerade von den Menschen, die einem nahestehen, Verständnis und Rückhalt.


Ich bin dankbar für diese Jahre, sehr. 


Meine Kinder durften unterschiedliche Länder, Kulturen und Lebensweisen kennenlernen. Sie haben erfahren, dass die Welt größer ist als das, was uns vertraut ist, dass Menschen auf ganz unterschiedliche Weise leben und dass es viele Möglichkeiten gibt, einen Alltag zu gestalten. Wir haben gemeinsam gelernt, gelacht, gestaunt und manchmal auch geweint.

Wenn ich an all das denke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Nicht, weil unser Weg immer leicht gewesen wäre, sondern weil er uns so Vieles geschenkt hat, was kein Geld der Welt kaufen kann.


Trotz all diesen wundervollen Erfarhungen ist die Sehnsucht geblieben, denn wir sind noch nicht angekommen. Nun sind sie groß und ich bin allein. 

Die Sehnsucht nach diesem Ort 1 dennoch bleibt, an dem die Bäume, die ich pflanze, eines Tages groß werden dürfen. An dem ich nicht nur die ersten zarten Blätter sehe, sondern Jahre später unter ihren Zweigen sitzen kann. An dem meine Kinder wissen, wo sie hingehören, und an den sie vielleicht eines Tages mit ihren eigenen Kindern zurückkehren. Ein Zuhause, das nicht nur für einen Sommer, ein Jahr oder einen Lebensabschnitt besteht. Ein Ort, an dem Erinnerungen wachsen dürfen, ohne dass schon der nächste Abschied vor der Tür steht.


Vielleicht hast du selbst nie in einem anderen Land gelebt und kennst dieses Gefühl trotzdem. Vielleicht hast du nach einer Trennung ein Zuhause verloren. Vielleicht lebst du seit Jahren in einer Wohnung, in der du dich nicht wirklich geborgen fühlst. Oder du hast eine Familie und einen geregelten Alltag, aber tief in deinem Herzen fehlt dir dieses Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Denn ein Dach über dem Kopf ist noch nicht dasselbe wie Heimat.


Heimat entsteht dort, wo wir Zugehörigkeit erfahren und Geborgenheit fühlen, wo Beziehungen wachsen und wir spüren, dass unser Leben an diesem Ort einen Platz hat.

Vielleicht ist Heimat auch der Ort, an dem wir eines Tages aufhören können, immer wieder von vorn anfangen zu müssen. Wo unsere Geschichten nicht länger nur aus Aufbrüchen und Abschieden bestehen, sondern aus gemeinsamen Jahren, aus vertrauten Wegen, aus Bäumen, die mit uns älter werden, und aus Menschen, die bleiben.


Ein Ort, an dem nicht alles vollkommen sein muss, an dem das Leben seine Spuren hinterlassen darf und an dem wir selbst mit all unseren Narben, Hoffnungen und Träumen willkommen und geliebt sind.

Vielleicht sehnen wir uns deshalb nicht nur nach einem Haus oder einem Stück Land. Vielleicht sehnen wir uns nach etwas viel Tieferem: nach dem Frieden, endlich angekommen zu sein, so wie wir sind. 


Und vielleicht ist genau diese Sehnsucht auch ein Hinweis darauf, dass unsere Suche nach Heimat nicht allein auf dieser Erde ihre Erfüllung finden kann.


1 In der Umweltpsychologie wird diese emotionale Verbindung zwischen Menschen und Orten als Place Attachment, also Ortsverbundenheit, bezeichnet (Scannell & Gifford, 2010). Heimat entsteht demnach nicht allein durch einen geografischen Ort, sondern auch durch Erinnerungen, Erfahrungen und soziale Beziehungen.

„Sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.“



(Jesaja 65,21–22)

Heimat aus ethnologischer Sicht – Was macht einen Ort zu unserem Zuhause?

Während meines Ethnologiestudiums an der Uni Heidelberg beschäftigte ich mich mit unterschiedlichen Kulturen, Lebensformen und der Frage, wie Menschen ihre Welt verstehen und gestalten. Schon damals faszinierte mich, wie eng unser Leben mit den Orten verbunden ist, an denen wir aufwachsen, arbeiten, lieben und Gemeinschaft erleben. Wie unterschiedlich Menschen leben und wie sehr unsere Vorstellungen von Familie, Zugehörigkeit und Heimat durch unsere kulturellen Erfahrungen geprägt werden.

Heute betrachte ich diese Fragen nicht mehr nur aus wissenschaftlicher Perspektive. Sie sind längst zu einem Teil meiner eigenen Lebensgeschichte geworden.


Denn was ist Heimat eigentlich, wenn wir nicht mehr dort leben, wo wir geboren wurden? Wenn unsere Kinder in verschiedenen Ländern aufwachsen, mehrere Sprachen sprechen und Erinnerungen an Landschaften und Menschen haben, die Tausende Kilometer voneinander entfernt sind? Können wir an mehreren Orten gleichzeitig zu Hause sein? Oder bleibt immer eine Sehnsucht nach dem Ort zurück, den wir gerade verlassen haben?


In der Ethnologie und den angrenzenden Sozialwissenschaften wird Heimat nicht einfach als geografischer Herkunftsort verstanden. Sie ist auch ein soziales und kulturelles Phänomen, das durch Beziehungen, Erfahrungen und alltägliche Handlungen entsteht.

Der Anthropologe Ghassan Hage beschäftigt sich mit der Frage, wodurch Menschen ein Gefühl des Zuhauseseins entwickeln. Dabei spielen unter anderem Sicherheit, Vertrautheit, Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich eine Zukunft vorzustellen, eine wichtige Rolle.

Dieser Gedanke erscheint mir heute besonders bedeutsam. Denn ein Mensch kann in einem Land geboren sein und sich dort dennoch fremd fühlen. Gleichzeitig kann er an einem anderen Ort, an dem er erst viel später gelebt hat, eine tiefe Zugehörigkeit entwickeln.

Auch die Kulturtheoretikerin Avtar Brah hat sich mit solchen Erfahrungen auseinandergesetzt. Sie unterscheidet zwischen dem Wunsch, in ein bestimmtes Herkunftsland zurückzukehren, und der tieferen Sehnsucht, sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Für Letzteres verwendet sie den Begriff Homing Desire 1 .

Vielleicht ist es genau diese Sehnsucht, die mich seit so vielen Jahren begleitet.

Nicht unbedingt der Wunsch, an einen bestimmten Ort zurückzukehren, sondern die Hoffnung, irgendwo ein Leben aufbauen zu können, das meinen Überzeugungen entspricht. Einen Ort zu finden, an dem Glaube, Familie, Natur und Gemeinschaft nicht nur schöne Worte sind, sondern unseren Alltag prägen.


Die Anthropologin Sarah Pink wiederum untersucht, wie sehr unser Erleben von Orten durch unsere Sinne geprägt wird. Gerüche, Geräusche, Bewegungen, alltägliche Tätigkeiten und vertraute Abläufe tragen dazu bei, dass aus einem zunächst fremden Raum allmählich ein Zuhause werden kann.

Vielleicht ist Heimat deshalb auch der Duft eines Essens, das wir gemeinsam zubereiten, das Geräusch von Regen auf dem Dach, das Gefühl von Erde zwischen unseren Fingern oder das Lachen unserer Kinder im Garten.

Es sind diese unscheinbaren Augenblicke, die sich tief in unsere Erinnerungen einschreiben. Die kleinen Rituale des Alltags, die vertrauten Wege, die Menschen, denen wir begegnen, und die Gewohnheiten, die unser Leben mit der Zeit prägen.


In der Forschung wird außerdem von Homemaking2 gesprochen, dem aktiven Schaffen eines Zuhauses. Menschen finden Heimat nicht nur vor, sondern gestalten sie durch Beziehungen, Gewohnheiten, Erinnerungen und gemeinsames Leben.


Dieser Gedanke verbindet für mich meine ethnologischen Erfahrungen mit meiner heutigen Vision von 'Aloumiya'. Denn wenn Heimat nicht ausschließlich an unsere Herkunft gebunden ist, dann können wir auch an neuen Orten Wurzeln schlagen. Wir können Gemeinschaft aufbauen, Vertrautheit schaffen und einen zunächst fremden Ort langsam zu unserem Zuhause werden lassen.

Vielleicht können wir sogar an mehreren Orten heimisch sein, ohne dass unsere Liebe zu dem einen Ort die Verbundenheit mit dem anderen schmälert.

Und vielleicht erklärt genau das, warum mein Herz sowohl in Deutschland als auch in Ecuador ein Stück Heimat gefunden hat.



Zwei Länder, ein Herz – Meine Heimat zwischen Deutschland und Ecuador


Deutschland ist die Heimat meiner Kindheit und Jugend. Hier liegen meine frühen Erinnerungen, hier habe ich einen Großteil meiner ersten Lebenserfahrungen gesammelt, und hier leben Menschen, die ich liebe.

Mich begeistert immer wieder die Natur Mecklenburg-Vorpommerns und berührt meine Sinne. Das Meeresrauschen, die gewaltigen Wälder, die weiten Felder und die stillen Landschaften mit ihrem weiten Horizont haben eine ganz spezielle Schönheit. Besonders in den vergangenen Monaten durfte ich sie noch einmal neu entdecken und genießen. 

Ich habe Menschen kennengelernt, die meinen christlichen Glauben teilen. Freundschaften sind entstanden, die mir viel bedeuten und für die ich Gott dankbar bin. Das macht den bevorstehenden Abschied schwer.

Denn ich gehe nicht, weil ich Deutschland ablehne oder weil ich hier nichts Schönes mehr sehe. Ich gehe auch nicht, weil ich die Menschen, die ich liebe, einfach hinter mir lassen möchte. Meine Familie und meine Kinder sind hier. Und dieser Umstand macht die Entscheidung besonders schmerzhaft. Es ist äußerst gemütlich in Deutschland. Materiell gesehen haben wir alles. 


Aber mein Herz zieht nach Ecuador. Und in unserem Herzen wohnt Jesus Christus, unser Erlöser. Warum sollte Er einen Wunsch in mein Herz pflanzen, den Er nicht für mich und meine Familie möchte. Gott täuscht sich nicht und so auch ich nicht. 

Ich habe viele Jahre meines Lebens in Ecuador verbracht, habe dort mit meinen Kindern gelebt, Herausforderungen bewältigt, Freundschaften geschlossen und immer wieder von einem eigenen Stück Land geträumt.

Ich fühle die majestätischen Berge, die so viel Geborgenheit ausstrahlen, die fruchtbare, schwarze Erde und die liebevolle Art der Menschen Ecuadors, besonders der indigenen Bevölkerung. An die Menschen und die Erfahrungen, die mich geprägt haben. An die Möglichkeiten, dort ein einfacheres, naturverbundenes Leben aufzubauen und meine Vision von Glauben, Selbstversorgung und Gemeinschaft weiterzuentwickeln.

Ecuador ist für mich kein Paradies.

Ich kenne auch die schwierigen Seiten des Lebens dort. Ich weiß, dass Armut, Unsicherheit und menschliches Leid nicht verschwinden, nur weil eine Landschaft wunderschön ist. Und vielleicht ist das eine Erkenntnis, die auch anderen Menschen helfen kann: Wir müssen uns nicht immer für nur eine Heimat entscheiden. Unser Herz kann an mehreren Orten verwurzelt sein, selbst wenn wir nur an einem davon leben können.



1 Brah, Avtar (1996): Cartographies of Diaspora: Contesting Identities. London/New York: Routledge.

Die Kulturtheoretikerin Avtar Brah unterscheidet zwischen dem Wunsch, in ein bestimmtes Herkunftsland zurückzukehren, und dem Homing Desire – der Sehnsucht nach einem Gefühl des Zuhauseseins, das nicht zwingend an den Herkunftsort gebunden ist.


2 Hage, Ghassan (1997): At Home in the Entrails of the West: Multiculturalism, Ethnic Food and Migrant Home-Building. In: Helen Grace et al. (Hrsg.): Home/World: Space, Community and Marginality in Sydney's West. Annandale: Pluto Press.

Hage untersucht, wie Menschen durch alltägliche Praktiken, Vertrautheit und soziale Beziehungen ein Gefühl des Zuhauseseins entwickeln. Besonders im Kontext von Migration wird deutlich, dass Heimat nicht ausschließlich ein vorgefundener Ort ist, sondern auch aktiv geschaffen werden kann.

„Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.“


(Hebräer 11:16)

Wenn Gott uns ruft, Vertrautes zurückzulassen

Doch meine Rückkehr nach Ecuador ist für mich nicht nur eine Frage persönlicher Vorlieben. Ich empfinde diesen Schritt als eine Entscheidung des Glaubens, auch wenn es mir das Herz zerreißt, meine Kinder zurückzulassen.

Ich gehe, weil ich nach Gebet und Prüfung überzeugt bin, dass Gott mich an den Ort zurückführen möchte, an dem Er mich haben will, an dem ich meine Berufung erfüllen darf. Der Abschied ist so schwer, aber ich vertraue Seiner Führung so sehr, und das, obwohl ich noch nicht weiß, wie sich alles entwickeln wird, wie ich mich fühlen werde und wovon ich dort leben soll. So viele offene Fragen, und da kommt mir die Geschichte von Abraham in den Sinn. In 1. Mose 12,1 fordert Gott ihn auf, sein Vaterland, seine Verwandtschaft und das Haus seines Vaters zu verlassen und in ein Land zu gehen, das Er ihm zeigen würde.

Abraham sollte seine vertraute Umgebung zurücklassen, ohne bereits den gesamten Weg zu kennen. Was für ein Vertrauen musste dieser Schritt erfordern!

Ich kann mir nur annähernd vorstellen, wie Abraham sich fühlte, als er sich von seinen Lieben verabschiedete. Die biblische Erzählung zeigt jedoch, dass sein Aufbruch nicht auf der Sicherheit eines vollständig ausgearbeiteten Lebensplans beruhte, sondern auf seinem Vertrauen in Gottes Verheißung.

Wie sehr würde uns die Tatsache beruhigen, wenn wir einen Fünfjahresplan vor uns liegen hätten! So sind wir Menschen nun einmal. Vermutlich würde uns dieser Plan jedoch auch eine Heidenangst einjagen, denn wenn ich zurückblicke auf das, was ich alles erlebt habe, weiß ich nicht, ob ich es dann noch einmal machen würde. Ich weiß aber, dass alles, so wie es war, gut war, denn Gott war bei uns, bei Abraham und bei all den anderen, die Großes durch IHN bewirkt haben.

Unser Glaube nimmt uns diese Ungewissheit nicht immer ab, aber wenn wir uns erlauben, ganz genau hinzuhören, dann können wir diese leise Stimme hören, die uns die Wahrheit zuflüstert und den Weg weist. Dennoch bedeutet die Sehnsucht nach Veränderung oder etwas Neuem nicht immer gleich, dass es automatisch ein Ruf Gottes ist. Gerade Entscheidungen, die unsere Familie und andere Menschen betreffen, müssen wir sorgfältig prüfen und verantwortungsvoll treffen.

Manchmal bleibt auch nach allem Nachdenken, Beten und Abwägen ein Schritt, den wir nur im Vertrauen gehen können.

Für mich ist die Rückkehr nach Ecuador ein solcher Schritt. Es ist eine innere Sicherheit, dass dies der richtige Schritt ist, obwohl mein Mutterherz so sehr weint.

Ich verlasse Deutschland mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn ein Teil meines Herzens wird immer bei meinen Kindern bleiben, die nun ihre eigenen Wege gehen und eigene Entscheidungen treffen.

Sie wissen aber eines zu hundert Prozent: Die Türen zu meinem Haus stehen ihnen immer offen, und da, wo ich bin, werden sie immer ein Zuhause haben.

Eine kleine Wehmut erfasst mich auch, wenn ich an unsere wunderschöne Ostsee denke und an meine neuen, lieb gewonnenen Geschwister.

Eines ist jedoch so klar: Ich entscheide nicht aus Bequemlichkeit, das habe ich noch nie. Ich entscheide aus einer inneren Stimme heraus, die immer schon bei mir war und die ich immer nuancierter wahrnehme. Und ich weiß: Mein bester Wegbegleiter, der Heilige Geist, ist genau wie Jesus und Gott an meiner Seite. Immer.


Und so frage ich nicht: Was möchte ich? Sondern: Was möchtest Du, oh Herr, dass ich für Dich tue?

Dieser Gehorsam ist nicht leicht, nicht immer zu verstehen, aber ich habe gehört, es lohnt sich, und darauf vertraue ich von ganzem Herzen.

Und ich bin bereit loszulassen, selbst meine Kinder, mit denen ich all die Jahre schon fast eine symbiotische Einheit bildete.

Loslassen bedeutet nicht, weniger zu lieben, sondern gehorsam zu sein. Denn Gott hat auch für meine Kinder einen Plan, und ich werde IHM bis in alle Ewigkeit dankbar sein für diesen dreifachen Segen in meinem Leben.



Unsere wahre Heimat ist im Himmel


Je länger ich über Heimat nachdenke, desto mehr erkenne ich, dass meine Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause noch eine tiefere Dimension hat.

Denn so sehr wir uns nach Sicherheit, Liebe und Beständigkeit sehnen, kein Ort auf dieser Erde kann uns garantieren, dass alles für immer bleibt.

Häuser können verloren gehen. Menschen können uns verlassen. Beziehungen können zerbrechen. Lebensumstände können sich plötzlich verändern, und selbst die schönsten Orte unserer Kindheit bleiben nicht unverändert.

Vielleicht ist es gerade diese Vergänglichkeit, die uns manchmal so schmerzlich bewusst macht, wie sehr wir uns nach etwas Bleibendem sehnen.

Im Hebräerbrief lesen wir von Menschen, die im Glauben lebten und sich als Gäste und Fremdlinge auf Erden verstanden. Sie suchten nach einem Vaterland, doch ihre Hoffnung reichte weit über eine irdische Heimat hinaus.


„Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen.“

(Hebräer 11:16)


Ein unbeschreiblicher Trost liegt für mich in diesen Worten, denn ich sehne mich so sehr nach Heimat und Wurzeln, dass das irdische Dasein mit all dem Leid und Schmerz auf Erden manchmal nur schwer auszuhalten ist.

Dennoch liebe ich die Zeit unseres irdischen Daseins, unsere irdische Heimat. Die Schönheit, die Gott geschaffen hat, mit all den Blumen, Wiesen, Wäldern, Feldern, dem Meer, den Bergen und Früchten. Das Schwimmen im Meer oder in einem See, so erfrischend und wundervoll. Häuser zu bauen, kreative Gärten anzulegen, Familien zu gründen und sich nach einem friedlichen Leben zu sehnen, all das gehört für mich zum Schönen unseres irdischen Daseins.

Aber unsere tiefste Hoffnung muss nicht davon abhängen, ob wir hier auf Erden tatsächlich alles erreichen, wovon wir träumen. Denn manchmal führt uns Gott auf völlig unerwartete Wege. Aber eines bleibt in dieser irdischen Heimat für uns Christen gewiss: Unsere endgültige Heimat liegt bei Gott.


„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

(Hebräer 13:14)


Diese Worte nehmen meiner Sehnsucht nach einem Zuhause nichts von ihrer Bedeutung. Aber sie verändern meine Perspektive und beruhigen mein Herz.

Ich darf nach Ecuador gehen und dort versuchen, neue Wurzeln zu schlagen. Ich darf von einem Garten träumen, von Gemeinschaft und einem Ort, dem Nituna Project, an dem Menschen, besonders Frauen und Kinder aus Familien, in denen sie Missbrauch erfahren haben, Frieden, Sicherheit und Geborgenheit finden können.

Ich mache aus Ecuador kein Paradies, denn davon ist Ecuador weit entfernt. Ich muss auch nicht glauben, dass mein Leben erst dann vollständig ist, wenn ich endlich ein eigenes Grundstück besitze oder all meine Wünsche erfüllt sind.

Denn mein Glaube und mein Vertrauen in die Verheißung, die Jesus Christus Seinen Jüngern gegeben hat, sind größer als jedes irdische Zuhause.


„In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“

(Johannes 14:2)


Mich berührt und beruhigt dieses Bild zutiefst, denn zum ersten Mal bin ich sicher, dass ich bei meinem himmlischen Vater bleiben darf. Und mein größter Wunsch ist es, dass auch meine Kinder eines Tages dort ihren Platz haben.


Eine Heimat, in der wir nicht länger Fremde sind, nicht mehr um Zugehörigkeit kämpfen müssen und in der unsere Gemeinschaft mit Gott nicht durch die Vergänglichkeit dieser Welt begrenzt wird.

Was für eine Hoffnung für Menschen, die sich ihr ganzes Leben nach einem sicheren und schönen Zuhause gesehnt haben!

Vielleicht gehörst du zu den Frauen, die schon ihr ganzes Leben kämpfen, die schon viele Abschiede erleben mussten und nicht nur einmal betrogen wurden, weil sie die falsche Wahl getroffen haben. Vielleicht hast du dein Zuhause verloren, bist allein für deine Kinder verantwortlich oder weißt nicht, wie es weitergehen soll, geschweige denn, wo du in einigen Jahren leben wirst.

Vielleicht sehnst du dich nach einer liebevollen Ehe, nach Sicherheit, Gemeinschaft und innerem Frieden oder nach einem Ort, an dem du endlich bleiben darfst und dich sicher und geborgen fühlen kannst.

Von ganzem Herzen möchte ich dir sagen: Diese Sehnsucht ist nicht bedeutungslos, und unser Vater kennt deine tiefsten Sehnsüchte und deine größten Träume. Ich ermutige dich, sie in einem größeren Licht zu betrachten, denn unsere Zeit auf Erden ist so begrenzt.

Als Königstöchter dürfen wir darauf vertrauen, dass unsere endgültige Zugehörigkeit nicht von einem bestimmten Land, einem Haus oder von anderen Menschen abhängt. Sie gründet in unserem geliebten Jesus Christus.

Und während wir hier auf Erden noch unterwegs sind, dürfen wir bereits in dieser Hoffnung leben, sie in unseren Herzen tragen und voller Freude auf das Kommende warten. Denn solange wir auf dieser Erde leben, sind wir dazu berufen, nur IHM zu folgen.



Heimat schaffen – Glaube, Natur und Gemeinschaft


Dennoch frage ich mich manchmal, ob ich jemals unter einem Baum sitzen werde, den ich selbst gepflanzt habe.

Ob ich Früchte ernten werde, deren Wachstum ich über viele Jahre begleiten durfte. Ob ich einen Garten haben werde, in dem meine Enkelkinder und viele andere Kinder spielen, Menschen gemeinsam arbeiten, lachen und weinen und wir abends an einem großen Tisch sitzen und gemeinsam köstliche Speisen genießen.

Um ehrlich zu sein:

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass ich diese Sehnsucht nicht länger nur als einen unerfüllten Traum betrachten möchte. Denn ich möchte aus dem, was Gott mir anvertraut hat, etwas wachsen lassen, ohne dabei die Beziehung zu Ihm zu verlieren.

Unser jahrelanges Reisen, der ständige Wechsel unseres Zuhauses und die Rastlosigkeit auf der Suche nach dem perfekten Zuhause für meine Kinder und mich weichen einer Zuversicht, die ich kaum beschreiben kann und aus der über die Jahre die Vision von Aloumiya wachsen konnte.

Eine Vision von Glauben, Natur und Gemeinschaft. Von Orten, an denen Menschen nicht nur nebeneinander wohnen, sondern miteinander leben. Wo wir lernen, wieder bewusster mit Gottes Schöpfung umzugehen, Lebensmittel anzubauen, Vorräte herzustellen, Wissen weiterzugeben und füreinander Verantwortung zu übernehmen.

Wo Kinder die Natur entdecken dürfen und Frauen, die schwere Erfahrungen gemacht haben, Unterstützung, Sicherheit und Geborgenheit finden, aber vor allem die Liebe Jesu spüren können, die ihnen hoffentlich neue Hoffnung schenkt, solange sie auf Erden weilen.

Nicht, weil ich glaube, dass wir Menschen ein vollkommenes Paradies auf Erden erschaffen können.

Das können wir nicht.

Aber wir können Orte gestalten, an denen die Liebe Jesu spürbar ist und Gastfreundschaft und Verantwortung sichtbar werden.

Wir können Menschen willkommen heißen, die sich bewusst dafür entscheiden, bei uns zu sein, gemeinsame Mahlzeiten genießen, einander zuhören und helfen. Wir können Samen nicht nur in die Erde, sondern besonders in die Herzen der Menschen pflanzen, die Heilung brauchen, und darauf vertrauen, dass Gott Wachstum in allem schenkt und Heilung für zerbrochene Herzen bringt.


„Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“


(1. Korinther 3:6)


Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was Heimat ausmacht.

Nicht nur einen Ort zu besitzen, sondern ihn mit Leben und Liebe zu füllen.

Nicht nur Sicherheit für uns selbst zu suchen, sondern auch anderen Menschen diese Sicherheit, Geborgenheit und Liebe zu schenken, nach der wir uns selbst so sehr sehnen.

Denn das Ziel sollte nicht sein, nur auf unsere endgültige Heimat im Himmel zu warten, sondern schon heute nach den Werten zu leben, die Jesus Christus uns gelehrt hat. Vor allem aber, Seine Liebe weiterzugeben, an diejenigen, die sie am meisten brauchen.


„Er heilet, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“

(Psalm 147:3)



Heimat ist dort, wo Gott mich führt


Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, sehe ich viele Orte, die mich geprägt haben.

Deutschland mit seinen Wäldern, seinen Jahreszeiten und dem Meer. Die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend, die für immer ein Teil von mir bleiben werden. Die vertrauten Gerüche, das Rauschen der Ostsee und die Landschaften, die ich so sehr liebe.

Ecuador mit seinen majestätischen Bergen, seinen Menschen und all den Erfahrungen, die mein Erwachsenenleben geprägt haben. Ein Land, in dem ich viele Jahre gelebt habe, in dem meine Kinder ein Stück ihrer Kindheit verbracht haben und zu dem mein Herz immer wieder zurückkehrt.

Und dazwischen liegen all die Wege, die ich gegangen bin. Die Menschen, denen ich begegnet bin, die Freundschaften, die entstanden sind, die Abschiede, die ich erleben musste, und die Hoffnungen, die mich immer wieder weitergetragen haben.

Vielleicht werde ich Deutschland eines Tages besuchen und beim ersten Atemzug salziger Meeresluft wieder diese tiefe Vertrautheit spüren, die mich seit meiner Kindheit begleitet.

Vielleicht werde ich danach nach Ecuador zurückkehren, die Anden vor mir sehen, die warme Sonne auf meiner Haut spüren und wissen, dass auch dort ein Teil meines Herzens zu Hause ist.

Heute weiß ich, dass beides möglich ist.

Wir können die Heimat unserer Kindheit lieben und trotzdem an einem anderen Ort unsere Zukunft sehen. Wir können Erinnerungen bewahren, ohne in der Vergangenheit leben zu müssen. Und wir können neue Wurzeln schlagen, ohne die alten zu verleugnen.

Doch die wichtigste Erkenntnis meiner langen und manchmal so schmerzhaften Suche nach Heimat ist eine andere.

So sehr ich mich nach einem eigenen Stück Land, einem Garten, einem großen Tisch voller Menschen und einem friedlichen Zuhause sehne, meine tiefsten Wurzeln müssen in Jesus Christus gegründet sein.

Denn ich habe in meinem Leben so oft erfahren, wie schnell sich alles verändern kann. Wie plötzlich Türen verschlossen bleiben, wie Menschen gehen und wie Pläne zerbrechen, von denen wir glaubten, dass sie für immer Bestand haben würden.

Dennoch durfte ich immer wieder erfahren, dass Gott uns nicht verlassen hat. Auch dann nicht, wenn ich Seine Wege nicht verstehen konnte oder vor lauter Tränen kaum noch wusste, wie es weitergehen sollte.

Heute denke ich dabei an einen Psalm, der mich schon so lange begleitet und der für mich so viel mehr ist als ein schöner Bibeltext.


„Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“


(Psalm 23:1)


Ein Hirte führt seine Schafe nicht immer auf den kürzesten oder bequemsten Wegen. Manchmal führt der Weg durch dunkle Täler, durch Unsicherheit und durch Zeiten, in denen wir nicht wissen, was hinter der nächsten Wegbiegung auf uns wartet.

Aber der Psalm erinnert uns daran, dass Gottes Gegenwart nicht auf die grünen Auen beschränkt bleibt. Er ist auch im finsteren Tal bei uns.

Und vielleicht ist es genau das, was ich auf meinem Weg immer wieder lernen musste und noch immer lernen darf.

Dass ich nicht alles wissen muss. Dass ich nicht jeden Schritt vorausplanen kann. Dass ich loslassen darf, auch wenn mein Herz dabei schmerzt.

Und dass meine Heimat nicht allein dort ist, wo ich geboren wurde. Nicht nur dort, wo meine Kinder aufgewachsen sind. Nicht ausschließlich dort, wo ich eines Tages einen Garten anlegen, Bäume pflanzen und Menschen an einem großen Tisch willkommen heißen möchte.

Meine Heimat ist dort, wo ich mit Gott leben und Seinem Willen folgen darf. Und meine endgültige Heimat liegt bei meinem himmlischen Vater.


Vielleicht bist auch du noch unterwegs. Vielleicht hast du schon so oft von vorne anfangen müssen, dass dir manchmal die Kraft fehlt, noch einmal neue Hoffnung zu schöpfen.

Vielleicht weißt du nicht, wo du eines Tages leben wirst. Vielleicht hast du dein Zuhause verloren, eine Ehe ist zerbrochen oder das Leben hat dich auf Wege geführt, die du dir als junges Mädchen niemals vorgestellt hättest.

Vielleicht sehnst du dich einfach nur danach, endlich anzukommen. Nicht mehr kämpfen zu müssen. Einen Ort zu haben, an dem du bleiben darfst, an dem du geliebt wirst und an dem du dich sicher und geborgen fühlst.

Ich kenne diese Sehnsucht so gut.

Und von ganzem Herzen möchte ich dir sagen: Du darfst diese Sehnsucht haben. Du darfst von einem Zuhause träumen, von Liebe, Familie, einem Garten und einem friedlichen Leben.

Aber verliere auf der Suche danach nicht den aus den Augen, der dir eine Heimat versprochen hat, die dir niemand mehr nehmen kann.

Vielleicht werden wir auf dieser Erde noch viele Orte kennenlernen, die uns ein Stück Heimat werden. Vielleicht dürfen wir noch Bäume pflanzen, deren Früchte unsere Enkelkinder eines Tages ernten werden.

Vielleicht werden wir noch einmal Abschied nehmen müssen, vielleicht werden Träume unerfüllt bleiben und neue Wege vor uns liegen, die wir heute noch gar nicht erahnen können.

Aber eines möchte ich nicht mehr vergessen: Mein Leben muss nicht erst vollkommen sein, damit ich in Gottes Liebe geborgen sein darf.

Ich möchte die Zeit, die Er mir auf dieser wunderschönen Erde schenkt, nutzen, um zu lieben, zu pflanzen, zu säen, zu dienen und etwas von Seiner Liebe an andere Menschen weiterzugeben.

Und wenn ich eines Tages auf mein Leben zurückblicke, dann hoffe ich, dass nicht die vielen Umzüge, die verlorenen Häuser oder die unerfüllten Träume das Wichtigste gewesen sein werden, sondern dass ich trotz aller Umwege meinem Herrn Jesus Christus gefolgt bin und mit dem, was Er mir anvertraut hat, anderen Menschen ein Stück Liebe, Hoffnung und Heimat schenken durfte.


Denn für alle, die zu Jesus Christus gehören, bleibt die Verheißung einer Heimat, die nicht vergeht. Eines Tages wird unsere Suche ein Ende haben und unsere Sehnsucht erfüllt sein.

Dann müssen wir keine Koffer mehr packen, keine Abschiede mehr fürchten und uns nicht mehr fragen, wo wir hingehören.


Dann werden wir wirklich angekommen sein.

Für immer zu Hause. Bei unserem himmlischen Vater.

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"Du zählst meine Wanderungen. Lege meine Tränen in deinen Krug; sind sie nicht in deinem Buch aufgezeichnet?"
(Psalm 56:8)


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